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recht & wirtschaft

Projekt:
Die Rolle von Unternehmungen und ihre ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung

Verantwortlich: Prof. Sybille Sachs, Assistenzprofessorin für Betriebswirtschaftslehre und betriebswirtschaftliche Forschung

www.unizh.ch/ifbf/fuehrung

 

 

  

 


WIE MULTIS LERNEN

Nachdem Shell die ausgediente Ölförderungsplattform Brent Spar einfach im Meer versenken wollte, stand der Ölmulti wochenlang in den Negativschlagzeilen. Shell gab daraufhin seine Fehler zu. Die Zürcher Ökonomin Sybille Sachs untersucht Modelle, wie Grossfirmen gegenüber der Gesellschaft verpflichtet werden können.

Von Thomas Gull
Bild: Nadia Athanasiou

shell


Wir werden uns ändern, stand in fetten Buchstaben über dem Inserat in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ). Sybille Sachs las die Annonce am 27. Juni 1995 auf dem Flug nach Wien. «Mit denen muss ich Kontakt aufnehmen», schoss es der Ökonomin durch den Kopf.
Das Inserat war von Shell. Der Ölmulti entschuldigte sich für die geplante Versenkung der Ölplattform Brent Spar im Atlantik. Nach einer von Greenpeace-Aktivisten ausgelösten Protest- und Boykottwelle gegen Shell wurde der Plan abgeblasen.
Shell musste sich dem Druck der Öffentlichkeit beugen, obwohl rechtlich nichts gegen die Versenkung sprach. Der Massenprotest habe jedoch gezeigt, «dass die Übereinstimmung einer Entscheidung mit Gesetzen und internationalen Bestimmungen allein nicht ausreicht. Hinzu kommen muss die notwendige Akzeptanz in der Gesellschaft», schrieb Shell.

Schnittstelle zwischen Unternehmen und Gesellschaft
Genau das interessierte Sachs: die Schnittstelle zwischen Unternehmen und Gesellschaft. Shell als Paradebeispiel für ein Unternehmen, das ohne die Berücksichtigung gesellschaftlicher Aspekte nicht erfolgreich sein kann. Sachs lud deshalb einen Vertreter von Shell an ihr Seminar zum Thema «Unternehmen in der Gesellschaft ein». Diskutiert wurde über die ökonomische und gesellschaftliche Effizienz von Unternehmen, womit sich Sachs seit Jahren beschäftigt. Die Zürcher Ökonomin ist als eine führende Partnerin in eine globale Forschergemeinschaft eingebunden, die sich der Neudefinition der Rolle der Unternehmen in der heutigen Gesellschaft verschrieben hat. Am Projekt «Redefining the Corporation: Stakeholder Theory in International Perspective» beteiligen sich rund hundert Forscherinnen und Forscher aus elf Ländern. Im Kernprojekt leitet Sachs mit zwei amerikanischen Kollegen eine vergleichende Fallanalyse der beiden multinationalen Unternehmen Shell und Motorola.

Alternative zum reinen Profit
Ziel des Projektes ist, den Stakeholder-Ansatz als differenzierte und wissenschaftlich fundierte Alternative zum heute oft zu eng interpretierten Shareholder-Value-Denken zu etablieren. Das Shareholder-Prinzip verpflichtet eine Firma auf die Nutzenmaximierung für die Eigentümer. In der Stakeholder-Perspektive ist das Unternehmen eingebunden in die Gesellschaft und die Wirtschaft und hat gegenüber diesen Verpflichtungen.

Stakeholder als Massstab
Unternehmen, die sich am Stakeholder-Grundsatz orientieren, bemühen sich, ihre Unternehmensziele und -kultur in Einklang und im Dialog mit den Stakeholdern zu entwickeln. Zu den Stakeholdern gehören zum Beispiel Kunden, Mitarbeiter, Aktionäre, die Medien, Regierungen oder Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace. Sie alle haben Erwartungen an die Unternehmen, die ernst genommen werden wollen. Im Shell-Inserat wird diese Einsicht so formuliert: «Wir werden nach Wegen suchen, unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen über die Landesgrenzen hinaus wahrzunehmen und entsprechend zu berücksichtigen.»

Interaktion zwischen Unternehmen und Gesellschaft
Shell hat sich nach 1995 diesem Prinzip verschrieben, und Sachs konnte sich mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit einbringen. Der Referent an ihrem Seminar zu Unternehmen und Gesellschaft war Heinz Brodbeck, damals Vizedirektor von Shell Schweiz. «Er war der Türöffner», erinnert sich Sachs. Die Zürcher Wirschaftswissenschafterin konnte sich darauf an den Roundtable-Gesprächen bei Shell beteiligen, und sie hat ein zweites vom Nationalfonds unterstütztes wissenschaftliches Projekt lanciert, das die Rolle der Unternehmung in ihrer Interaktion mit der Gesellschaft untersucht. Während die Shell/Motorola-Analyse vor allem empirisch orientiert ist, widmet sich die Nationalfonds-Studie theoretischen Fragen.

Analyse aus verschiedenen Blickwinkeln
Die von Sachs geleitete Studie versucht der Komplexität der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität durch eine Betrachtung aus mehreren Perspektiven gerecht zu werden. So fliessen drei wissenschaftliche Weltbilder in die Analyse ein: das biologische, das ökonomische und das soziologische. Das biologische Weltbild ist die Basis der modernen Evolutionstheorie, die alle heute bestehenden Systeme als Produkte eines historischen Entwicklungsprozesses versteht. Das ökonomische Weltbild geht vom Menschen als Eigenutzen maximierendem Homo oeconomicus aus, dessen Handeln von rationalen Entscheidungen geleitet ist. Das soziologische Weltbild schliesslich bietet Erklärungsmuster für das Verhalten von Menschen oder menschlichen Gemeinschaften an.
Mit Hilfe der verschiedenen theoretischen Zugriffe und der empirisch gewonnenen Einsichten soll die Rolle der Unternehmen in der heutigen Gesellschaft besser verstanden werden. Und die Studie soll Erklärungen für den ökonomischen und gesellschaftlichen Erfolg von Unternehmen liefern.
Die umfassende Ausrichtung der Studie ist nicht nur ein Versuch, die Vielgestaltigkeit der Problematik aufzuzeigen. Sie spiegelt auch den wissenschaftlichen Standpunkt von Sachs wider, die gerne interdisziplinär arbeitet.

Lernen für die Zukunft
Im Gegensatz zu Shell hat Motorola keine Supergaus wie Brent Spar oder Nigeria zu verarbeiten. Damit besteht die Chance, aus den Fehlern von Shell präventiv zu lernen: «Auch wenn das Lernen manchmal schmerzt: nur wer lernt, hat Zukunft», schrieb Shell 1995.
Am Anfang des Lernprozesses steht die Einsicht, dass gerade grosse, multinationale Gesellschaften, die wie Shell oder Motorola Umsätze machen, die dem Bruttosozialprodukt eines Kleinstaates entsprechen, gegenüber der Gesellschaft Verpflichtungen haben. Mit ihrer wirtschaftlichen Potenz können diese Firmen in Ländern mit schwachen Regierungen und wenig entwickelten Zivilgesellschaften erheblichen Einfluss auf die Politik und die gesellschaftliche Entwicklung nehmen. Eine politisch neutrale Haltung einzunehmen, wie dies Shell in Nigeria nach der Ermordung des Oppositionellen Ken-Saro Wiwa und acht seiner Mitstreiter praktiziert hat, wird deshalb fragwürdig. Langfristig werden nur Unternehmen erfolgreich sein, die eine auf gesellschaftlicher Verantwortung und Nachhaltigkeit basierende Politik vertreten, davon ist Sachs überzeugt.

Grosse Unternehmen gegenüber der Gesellschaft verpflichtet
Shell ist auf diesem Weg schon ein gutes Stück vorangekommen. 1999 wurde der zweite Shell Report vorgelegt, der zeigt, wie und wo Shell seinem neuen Credo «Helping People to Build a better World» nachkommt. Wie der Vorsitzende der Shell-Gruppe Mark Moody-Stuart bei der Veröffentlichung des Reports erklärte, ist Shell einer «Geschäftsstrategie verpflichtet, die zwei grosse Ziele vor Augen hat: Sowohl Gewinne zu erwirtschaften als auch zum Wohle der Erde und ihrer Bewohner beizutragen. Dazu sehen wir keine Alternative.» Wie der Report zeigt, ist dieses hehre Ziel nicht einfach zu erreichen. Aber wie hat Shell bereits 1995 im FAZ-Inserat versprochen: «Wir werden daran arbeiten.» Thomas Gull

Thomas Gull ist Redaktor des unireport

Dieser Artikel erschien auch im unireport

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