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9.5.2001
Bedrohte SprachenEtwa 90 % der sechstausend Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, sind vom Aussterben bedroht und werden verloren gehen, wenn keine grossen Anstrengungen dagegen unternommen werden. von Lukas Neukom und Johanna Mattissen (Oktober 2000) Die Lage ist tatsächlich dramatisch. Während die Öffentlichkeit gut darüber informiert ist, dass manche Tierart auf der roten Liste steht (es sind vergleichsweise «nur» etwa 8 % aller Arten), ist den meisten nahezu unbekannt, wie bedrohlich die Lage der Sprachen der Welt ist. Zur Zeit werden auf der Welt rund 6000 Sprachen gesprochen, davon haben 52% weniger als 10'000 Sprecher, 28% weniger als 1000 und über 10% weniger als 100. Längerfristig haben nur Sprachen mit mehr als 100,000 Sprechern eine Überlebenschance, das sind etwa 10% aller Sprachen. Unter den gegenwärtigen Umständen werden somit 90% aller Sprachen innert der nächsten 100 Jahre aussterben. Auf der anderen Seite decken die elf grössten Sprachen (darunter Mandarin-Chinesisch, Englisch, Hindi und Spanisch) mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ab. Oft wird das Sprachensterben positiv gesehen mit der Begründung, eine einheitliche Weltsprache verhindere Missverständnisse. Tatsächlich aber bedeutet das Sprachensterben eine kulturelle Verarmung der Menschheit, parallel zur genetischen Verarmung durch das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Denn Sprache ist sowohl mit unserer Kultur wie auch mit unserer Wahrnehmung der Welt und unserer Fähigkeit zu denken aufs Engste verknüpft. Viele Sprachen sind nicht verschriftet, daher werden kulturelle Tradition, Konzeptualisierungen und Sichtweisen, aber auch praktisches Wissen rein mündlich weitergegeben. Sprache ist auch ein wichtiger Identifikationsfaktor und schafft ein Zugehörigkeitsgefühl; jeder Mensch hat ein Recht auf seine eigene Sprache. Ein Volk, das seine Sprache verliert, gerät leicht in eine Identitätskrise. Die UNESCO fördert mittlerweile spracherhaltende oder -dokumentierende Massnahmen. Warum sterben Sprachen? 1) Wirtschaftliche Faktoren Wirtschaftlicher Einfluss allein muss eine Sprache nicht notwendigerweise bedrohen; es kann auch Zweisprachigkeit daraus resultieren. So wurde in Ostafrika Swahili zur Handels- und Verkehrssprache, die regionalen Sprachen hingegen blieben bestehen. In der heutigen Zeit kommt die allgegenwärtige Globalisierung hinzu, die zusätzlichen Druck auf alle Sprachen ausübt und zur Bevorzugung weit herum verständlicher Sprachen führt. 2) Kulturelle Faktoren 3) Politische Faktoren Auch heutzutage gilt manche Minderheitensprache als politisch unerwünscht. In einem solchen Fall wird die Sprache stigmatisiert oder verboten, oder es wird versucht, die Minderheit über weite Gebiete zu verstreuen oder gar auszurotten. Wird sie verstreut, kann die Sprache nicht aufrecht erhalten werden, weil man gezwungen ist, mit der anderssprachigen Umgebung zu kommunizieren. Selbstverständlich fehlen dann auch Medien (Zeitungen, Radio, TV, Internet). Auch ohne politische Verfolgung sind in den Minderheitensprachen selten Medien vorhanden. Sie gelten als zu teuer, da sie nur ein kleines Publikum erreichen. Minderheitensprachen werden auch vernachlässigt, indem sie in der Schule nicht unterrichtet werden. Die Schulsprache wird wichtigstes Kommunikationsmittel der Kinder, das sie auch später beibehalten und gegenüber ihrer Muttersprache bevorzugen. Neben all diesen bedenklichen Entwicklungen gibt es auch positive Trends: Eine Sprachgemeinschaft gewinnt Selbstbewusstsein, indem sie sich als Minderheit mit einer eigenen Sprache gegen die andern abgrenzt, so zum Beispiel die Maori in Neuseeland. Ebenso brauchen die australischen Aborigines ihre Sprache als Geheimsprache, um sich zu verständigen, ohne von der Polizei verstanden zu werden. Ähnlich verhält es sich mit der papuanischen Unabhängigkeitsbewegung in den 70er und 80er Jahren, die das Hiri Motu als ihre Sprache propagierte, um sich vom dominierenden Tok Pisin und Englisch abzugrenzen. Situation auf der Erde Retten, was zu retten ist: Es gibt auch verschiedene Organisationen und Gesellschaften, die solche Initiativen und Forschungsprojekte unterstützen. In der Schweiz wurde dazu die Schweizerische Gesellschaft für Bedrohte Sprachen (in Zürich) gegründet. Äyiwo Äyiwo ist eine Sprache mit 4000 Sprechern auf den Salomon-Inseln im Pazifik. So wie wir im Deutschen die Substantive in drei Geschlechter einteilen (männlich, weiblich und sächlich), unterscheiden die Äyiwo-Sprecher über vierzig Nominalklassen (so gibt es beispielsweise Klassen für Hühner, für Bananen und für Haie). Das System ist stark verankert in ihrer Kultur und Lebensweise. Durch das Vordringen der westlichen Zivilisation ist nun auch vieles der ursprünglichen Kultur verloren gegangen, so dass die jüngeren Sprecher nicht mehr alle Klassen kennen und die Grammatik vereinfacht haben. Ursprünglich hatte die Sprache ein starkes Potential für eigene Wortkreationen. So wurde für Zigarette delupovili gebildet, wörtlich «etwas, was die Leute einwickeln und pressen, ohne es zu beschädigen»; Vulkan heisst nyeku-polo «ein Ort, der immer brennt und seine Umgebung (durch seine Ausbrüche) in Mitleidenschaft zieht». Kinder und Jugendliche kennen die alten Begriffe jedoch oft nicht mehr und übernehmen stattdessen die Wörter aus einer überregionalen Verkehrssprache. Glücklicherweise gibt es gegenläufige Initiativen: Die Leute interessieren sich neu für ihr altes Handwerk (Schnitzereien, Bootsbau) und ihre traditionellen Tänze. Damit wird auch wieder ein Teil des Wortschatzes aktiv verwendet, den viele nicht mehr kannten. Leseklassen in Äyiwo wurden eingerichtet, so dass auch junge Menschen die Sprache weitertragen.
Lukas Neukom hat Allgemeine Sprachwissenschaft und Afrikanistik studiert und arbeitet als Assistent an der Universität Zürich. Johanna Mattissen hat Allgemeine Sprachwissenschaft studiert und arbeitet in einem Forschungsprojekt an der Universität Köln. |
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