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Bedrohte Sprachen (mit zahlreichen Daten)
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Zürcher Festival des Wissens

 

 

9.5.2001

Zürcher Festival des Wissens

Wenn Sprachen sterben

Rund 90 Prozent der sechstausend Sprachen, die auf der Welt gesprochen werden, sind vom Aussterben bedroht. Mit einer Ausstellung im Rahmen des«Zürcher Festivals des Wissens» machen Sprachwissenschafter der Universität Zürich auf die dramatische Lage aufmerksam.

von Thomas Gull

Lukas Neukom

Lukas Neukom, Assistent am Seminar für Allgemeine Sprachwissenschaften und eine Karte bedrohter Sprachen. (Foto Christoph Schumacher)

 

Überall hängen mit Stecknadeln gespickte Karten. Auf einigen sind die Nadeln mit ihren schwarzen, roten, gelben oder grünen Köpfen selten und stehen deshalb einsam auf weissem Grund, auf anderen wie jenen von Papua Neuguinea, Indonesien oder Nigeria sind die Stecknadeln dicht gedrängt. Jede Nadel symbolisiert eine Sprache. Die Farbe der Köpfe gibt Auskunft darüber, welche Überlebenschancen die einzelnen Sprachen haben: die schwarzen Köpfe stehen für die ausgestorbenen Sprachen, die roten Köpfe für bedrohte Sprachen mit weniger als 20 000 Sprechern, die gelben für bis zu 100 000 und die grünen für mehr als 100 000 Sprecherinnen und Sprecher.

Was da auf den ersten Blick so bunt daherkommt, ist in vielen Fällen Ausdruck akuter Gefährdung, denn der Grossteil der Stecknadelköpfe sind nicht gelb oder grün, sondern rot: 90 Prozent der Sprachen dieser Welt sind vom Aussterben bedroht. Und kaum jemand ist sich dessen bewusst: «Die Öffentlichkeit weiss, dass es bedrohte Tier und Pflanzen gibt. Aber die Bedrohung von Kulturgütern nehmen wir nicht wahr», klagt Lukas Neukom, der als Assistent am Seminar für Allgemeine Sprachwissenschaften der Universität Zürich arbeitet. Dabei bedeute das Sterben von Sprachen eine kulturelle Verarmung der Menschheit, vergleichbar der genetischen Verarmung durch das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.

Die prekäre Lage vieler Sprachen ist bei uns kaum ein Thema. Das dürfte einerseits damit zusammenhängen, dass Europa verhältnismässig arm an Sprachen ist und damit auch nur wenige bedroht sind. Es fehlt aber auch die Sensibilität für das Thema. Das zu ändern, daran arbeitet das Seminar für Allgemeine Sprachwissenschaften seit Jahren, unter anderem mit der Ausstellung der Sprachkarten.

Die Zürcher Sprachwissenschafter beteiligen sich aktiv an der Erforschung und Erhaltung von Sprachen. Die einzige Professorin, Karen Ebert, hat unter anderem in Nepal Kiranti-Sprachen erforscht, der Assistent Fernando Zúñiga die chilenische Sprache Mapudungu, Lukas Neukom hat sich mit der indischen Santali-Sprache beschäftigt und möchte im Rahmen eines neuen Projektes in Benin forschen. «Wir müssen die Sprachen beschreiben, so lange sie noch gesprochen werden, denn die meisten werden nur mündlich überliefert. Mit dem letzten Sprecher stirbt deshalb die Sprache und ist für immer verloren», erklärt Neukom. Das Interesse der Wissenschafter an einer Sprache könne für deren Überleben wichtige Impulse geben: «Die Tatsache, dass sich Forscher mit einer Sprache beschäftigen, hebt das Selbstwertgefühl der Sprecherinnen und Sprecher. Sie realisieren, dass ihre Sprache ernst genommen und nicht nur als ein Dialekt abgetan wird.» Für die Erhaltung einer Sprache ist es hilfreich, wenn sie verschriftet wird. Es gebe einer Sprache «Schub», wenn sie auch gelesen und geschrieben werden könne. Dazu müsse sie inventarisiert und analysiert werden. Die Erforschung bedrohter Sprachen in der Dritten Welt sei ein Beitrag, den die reiche Schweiz leisten könne, sagt Neukom. «Das ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wir hoffen, dass die Menschen für die eigene Sprache Feuer fangen und sich für sie einsetzen.»

Thomas Gull ist Redaktor des unireports und freier Journalist.

 
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