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Ludwig Binswanger hat in seinem Buch «Wandlungen in der Auffassung und Deutung des Traums von den Griechen bis zur Gegenwart» gezeigt, dass die Träume in der Antike oft als Botschaften der Götter und überirdischer Mächte aufgefasst wurden. Im zwanzigsten Jahrhundert aber, seit Freud, gelten sie als Botschaften des Unbewussten. Während des Träumens ist der Traum für uns die Welt. In der Regel merken wir erst wenn wir erwachen, dass es ein Traum war. Die Einheit des Traums faltet sich nun auseinander in einen Fächer der Zeiten, Orte und Situationen unseres Lebens.
Sigmund Freud
Eine der grossen Entdeckungen Sigmund Freuds ist die Bedeutung des Phänomens, das er «Verdichtung» nennt. Wenn wir aus einem Traum erwachen, bemerken wir oft, dass darin Orte, Situationen und Personen vorkamen, die aus ganz verschiedenen Zeiten und Zusammenhängen unseres Lebens stammen. Aber im Traum selbst bildeten sie eine Einheit. Darüber hinaus hat Freud entdeckt, dass fast in allen Träumen Erinnerungsspuren aus dem Vortag auftauchen, die er «Tagesreste» nennt. Der Traum enthält aber auch Beziehungen zu unserer früheren Vergangenheit bis zurück in die Kindheit. Aber dies alles war im Traum zu einer neuen Einheit verdichtet, die Freud den «manifesten Traum» nennt, den Traum also, wie er sich uns nach dem Erwachen zeigt.
Freud fragt sich nun, wie diese Träume zustande gekommen sind, wie der Sinnzusammenhang entstanden ist, den sie zu enthalten scheinen. Freud nennt es das Unbewusste. Es äussert sich nicht nur in den Träumen, sondern auch in Fehlleistungen und neurotischen Symptomen, die ebenfalls verborgene Sinnzusammenhänge enthalten, zum Beispiel in einer Zwangshandlung oder einem hysterischen Anfall.
Freuds Einsicht ist es, dass es immer wieder die Macht des Eros und der Sexualität ist, die sich in den Träumen äussert. Sie ist der Ort, wo das Leben der Art durch uns hindurchgeht. Ihr Reservoir und ihre Energie sind weit grösser als das, was sich im wachen Leben erfüllen kann. Es bleibt eine grosse Menge von unerfüllten Wünschen. Darum ist der Traum für Freud eine Wunscherfüllung.
Aber es gibt Dinge, die wir uns nicht einmal im Traum einfallen lassen würden. Das Gewissen, die Moral, die Erziehung verbieten es uns. Das Unbewusste, das sich im Traum äussern will, wird deshalb von dieser Instanz in unserem Innern einer Zensur unterworfen. Wenn man die Träume deuten will, muss man sie also entschlüsseln. Man muss den Sinnzusammenhängen nachgehen, die hinter der Verdichtung stecken und die sich offenbaren, wenn man dem Kontext, also den Einfällen des Träumers, folgt. So ist die Deutungsarbeit die Umkehrung der Arbeit in unserem Innern, die Freud die «Traumarbeit» nennt. Was bei der Deutung zum Vorschein kommt, ist ein Sinnzusammenhang, den man in Sätze kleiden kann wie einen Gedanken. Freud nennt es darum die «latenten», also verborgenen «Traumgedanken».
Carl Gustav Jung
Jung war ein Schüler Freuds und hat sich von ihm gelöst. Für ihn ist die Libido nicht die einzige Quelle des Traums. Die Wunscherfüllung in Bezug auf unsere sexuellen Wünsche ist vielmehr nur ein Sonderfall einer viel allgemeineren ausgleichenden Funktion der Träume. Er nennt sie die kompensatorische Funktion des Traums. Im Wachen ist unser Bewusstsein wegen des Zwanges zu handeln immer wieder stark eingeengt und konzentriert sich deshalb auf das in der jeweiligen Situation Wesentliche. In der entspannten Ruhe des Schlafes aber, wo wir nicht unmittelbar handeln müssen, kann sich diese Einengung auflösen. Das Unbewusste hat darum einen grösseren Horizont, kann Möglichkeiten in der Gegenwart wahrnehmen, die das wache Bewusstsein übersehen hat. So fördert die Kompensation in den Träumen einen Weg, der sich nicht auf die Anforderungen des wachen Bewusstseins beschränkt, sondern in der Mitte zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten liegt. Diesen Weg nennt Jung den Weg der Individuation, weil er zu dem führt, was wir eigentlich selbst sind.
Nicht nur das individuelle Unbewusste, das persönlich Verdrängte und Vergessene, zeigt sich für Jung im Traum, sondern auch etwas Allgemeinmenschliches wie Geburt und Tod, Liebe und Begegnung, Männlichkeit und Weiblichkeit. Jung nennt diese Urgestalten auf Griechisch: Archetypen. In ihnen zeigt sich etwas uns allen im Leben Gemeinsames. Sie liegen in einer grösseren Tiefe des Unbewussten, die er das kollektive Unbewusste nennt.
Einem Satz Nietzsches folgend sieht Jung den Traum als eine innere Bühne, auf der sich ein Schauspiel entfaltet, dessen Autoren wir selber sind. Wir sind aber auch die Regisseure und Schauspieler dieses Spiels. Darum nennt Jung eine Deutung, die von dieser Einsicht ausgeht, die Deutung auf der Subjektstufe. Der Lebensweg ist ein Weg steter Wandlungen, von denen uns nur ein Teil bewusst wird. Sie führen uns durch Dunkelheit und Tiefen.
Harald Schultz-Hencke
Harald Schultz-Hencke hat versucht, die verschiedenen Schulen der Traumdeutung miteinander zu verbinden. Er nannte seine Schule deshalb Neoanalyse. Einerseits folgt er den Ideen Freuds von Libido, Wunscherfüllung, Zensur und Verschlüsselung. Andererseits aber sieht auch er in der Libido nicht die einzige Quelle des Traums. Alfred Adler folgend betont er auch die grosse Bedeutung des Geltungsstrebens in unseren Träumen. Auch das aber kann verdrängt und neurotisch unterdrückt werden und sich darum oft nur verschlüsselt in den Träumen äussern. Und er fügt diesen beiden ein drittes Gebiet hinzu, das sich ebenfalls in den Träumen äussert, nämlich das dem Menschen tief eingewurzelte Besitzstreben, das sich im Haben- und Behaltenwollen und im Einverleiben äussert. Auch dieser Bereich kann gehemmt werden. Das kann sich auch in Ess-Störungen wie der Anorexie zeigen. Die Theorie Schultz-Henckes stellt eine wichtige Ergänzung der grossen tiefenpsychologischen Theorien von Freud und Jung dar.
Ludwig Binswanger und Medard Boss
Alle tiefenpsychologischen Schulen haben gemeinsam, dass sie etwas hinter dem Traum sehen, das sich in den Bildern des Traums ausdrückt. Aber der Traum hat zugleich sein eigenes Recht, als Traumwelt ernst genommen zu werden. Das haben die Vertreter der Daseinsanalyse, Ludwig Binswanger und Medard Boss, getan, indem sie fragen: Wie existiert der Träumer in dieser Welt des Traums? Was charakterisiert in ihr sein Dasein? Sie folgen hier den Gedankengängen der Philosophie Martin Heideggers.
Binswanger zeigt in seiner Schrift «Traum und Existenz», dass man die Welt nicht aufteilen sollte in das Subjektive, Psychische auf der einen Seite und die objektive, messbare Welt auf der anderen Seite. Man sollte vielmehr ihre primäre Einheit sehen, in der sich unser Dasein als In-der-Welt-Sein ereignet. Er fragt nach den Gemeinsamkeiten von Seele und Welt im Traum. Der aufsteigende, jubilierende Flug eines Vogels in den strahlend blauen Himmel und die aufsteigende Stimmung der Heiterkeit gehören dann zusammen, so wie wir ja auch das Wort «heiter» sowohl für die Stimmung wie für den Himmel verwenden. Wenn aber dieser Vogel von einem Pfeil getroffen herabstürzt und dem Träumer vor die Füsse fällt, dann gehören auch hier dieses Herabstürzen und das Stürzen und Niedergedrücktsein der Trauer und Depression zusammen. So wird also der Traum aus sich selbst ausgelegt.
Medard Boss hat diese Eigenheit der Traumwelt noch stärker betont. Er hat das Verdienst, dieses eigene Sein des Traums ganz ernst genommen zu haben. Er verbindet diese Betrachtung mit einer starken Kritik an Freud und Jung, weil sie etwas «hinter dem Traum» suchen.
Redigierte und gekürzte Fassung des Artikels «Schulen der Traumdeutung» von Detlev von Uslar, erschienen im unimagazin 1/2000.