Home   Kontakt|Suchen  
  Universität Zürich  

Unipublic
Uni-News
Muscheln1
Artikel
Dies academicus 2002 – Die Ehrendoktoren und Preisträger (Mediadesk, 27.4.2002)
 

 

27.4.2002

Dies academicus 2002 – Jahrespreise

Yvonne Kiegel-Keicher
Jahrespreisträgerin der Philosophischen Fakultät

«Iberoromanische Arabismen im Bereich Urbanismus und Wohnkultur»
Dissertation von Yvonne Kiegel-Keicher

900 Jahre dauerte die Präsenz des Islam auf der Iberischen Halbinsel. Wie keine andere Region wurde Hispanien historisch durch das Nebeneinander, das Miteinander und auch das Gegeneinander von Christenheit und Islam geprägt. Diese «convivencia» hat auf allen Gebieten der materiellen und geistigen Kultur tiefe Spuren hinterlassen. Der Wortschatz der drei iberoromanischen Sprachen Spanisch, Portugiesisch und Katalanisch legt davon ein beeindruckendes Zeugnis ab; die Arabismen gehen in die Tausende.

Besonders reich entwickelt ist der maurische Einfluss im Bereich des Urbanismus und der Wohnkultur. Orientalische Modelle der Stadtanlage, der Architektur und der Innenausstattung der Häuser haben nicht nur das hispanische Mittelalter bestimmt, sie wirken mancherorts noch bis heute nach. Dabei wurden mit den Gegenständen meist auch die Wörter übernommen: Entlehnungen aus dem Arabischen sind gerade in diesem Bereich zahlreich, ihre Entwicklung ist besonders facettenreich. Die Wortgeschichte wird zum Spiegel der Kulturgeschichte.

Yvonne Kiegel hat die darin liegende Herausforderung zu einem interdisziplinären Forschungsansatz angenommen. Erstmals wird in ihrer Arbeit ein klar umgrenzter Teilbereich von Arabismen monographisch dargestellt; der arabische Wortschatz aller drei iberoromanischer Sprachen wird in seinen Bezügen zu Städtebau und Wohnkultur umfassend aufgearbeitet. Zu den bekanntesten, bis heute geläufigen Wörtern gehören unter anderem alcazaba «Zitadelle»; barrio und arrabal, beides «Stadtviertel»; alcova «Alcoven», alfombra «Teppich» und almohada «Kissen». Betrachten wir anhand von wenigen Beispielen den Zusammenhang von Lexikon und Historie etwas genauer.

  • Jeder kennt den Alcázar von Toledo. Das Wort bezeichnet im Spanischen, Portugiesischen und Katalanischen die «Burg», das «Kastell». Es ist eines jener Wanderwörter, die rund um das Mittelmeer gereist sind: vom lateinischen castrum über das Griechische und Aramäische in das Arabische und von dort dann in die romanischen Sprachen der Iberischen Halbinsel. Das Wort wurde auch nach der christlichen Wiedereroberung beibehalten, um die aus christlicher Tradition stammenden castillos von den maurischen alcázares unterscheiden zu können.
  • Die bekannteste Brücke von Toledo trägt bis heute den Namen Alcántara. Das arabische qantara bedeutet zunächst das «Gewölbe», dann die «Bogenbrücke». Im Spanischen ist die Grundbedeutung nur noch in solchen Eigennamen erhalten, aber der Diminutiv alcantarilla lebt in der Bedeutung «Abwasserkanal» bis heute fort. Das Wort bezeugt, dass die Mauren nicht nur über hervorragende Kenntnisse in künstlicher Bewässerung in der Landwirtschaft, sondern auch in der städtischen Abwasserbeseitigung verfügten.
  • Das arabische _ibb «Zisterne» wurde in der Form aljibe ins Spanische übernommen. Seine Grundbedeutung hat es bis heute bewahrt; trotz der Konkurrenz des lateinischen cisterna ist das Wort so vital, dass es auch auf moderne Begriffe wie camión aljibe «Zisternenwagen» übertragen worden ist. In den Zeiten der Reconquista und auch noch danach, als man sich mit den Mauren kriegerisch auseinandersetzte, hatte das Wort eine weitere Bedeutung, nämlich «Verlies, Gefängnis». Dies rührt daher, dass man die christlichen Gefangenen zu Tausenden in unterirdische Zisternengewölbe gesperrt hat, wie man sie heute noch eindrucksvoll im marokkanischen Meknès besichtigen kann. Mit dem Verschwinden der Feindseligkeiten verschwand auch diese Wortbedeutung.
  • Jedem Besucher Andalusiens sind die Flachdächer vertraut, auf denen sich in den Abendstunden ein Teil des familiären Lebens abspielt. Diese architektonische Eigentümlichkeit ist orientalischen Ursprungs und wird dementsprechend im Spanischen als azotea, im Portugiesischen açoteia bezeichnet, ein arabischer Diminutiv aus einer Wurzel, die «flach, eben» bedeutet.

Yvonne Kiegel ist zahlreichen solchen Wortgeschichten auf den Grund gegangen. Sie hat alle erreichbaren Quellen – darunter alte, schwer zugängliche Lexika – so erschöpfend ausgewertet, wie dies vernünftigerweise überhaupt geleistet werden kann. Ihre etymologischen, phonetischen und semantischen Analysen sind von minutiöser Akribie. Sie beherrscht sowohl die arabistische als auch die romanistische Sprachwissenschaft umfassend, wobei ihr die aktiven Kenntnisse nicht nur des Spanischen und Schriftarabischen, sondern auch des Katalanischen, Portugiesischen einerseits, des marokkanischen Arabisch andererseits zugute kommen. Darüber hinaus versteht sie es meisterhaft, die kulturhistorischen Perspektiven lebendig zu machen. Ihre vergleichende Darstellung der maurisch-spanischen und der christlich-spanischen Stadt im Mittelalter bietet dem Leser viele Einsichten in die Zusammenhänge von scheinbar Zusammenhanglosem. So leitet sie wesentliche Strukturmerkmale von Stadtanlage und Wohnungsgestaltung aus einem einzigen grundlegenden Gegensatz ab: während im Islam Öffentliches und Privates strikt getrennt sind, vermischen sich diese Bereiche im christlichen Urbanismus.

Diese Arbeit ist ein wichtiger und fundierter Beitrag nicht nur zur Geschichte der iberoromanischen Sprachen, sondern auch zur vergleichenden Kulturwissenschaft. In einer Zeit drohender Konfrontation zwischen dem Islam und dem sogenannten Westen ist eine solche Rückbesinnung auf vergangene Epochen des friedlichen Zusammenlebens und der gegenseitiger Befruchtung notwendiger denn je.

Kontaktadresse
Dekanat der Philosophischen Fakultät
Rämistrasse 71
8006 Zürich
Tel. 01 634 22 34
Fax 01 634 49 66
heidi.moor@access.unizh.ch

 
zum Anfang


© Universität Zürich, 03.08.2004 , Impressum