Home   Kontakt|Suchen  
  Universität Zürich  

Unipublic
Uni-News
Muscheln1
Link
Zürcher Festival des Wissens (unipublic)
Infos

Lebenslauf Barbara Haering

 

 

17.4.2001

Echter Dialog der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit

Vom 4. bis 12. Mai 2001 findet in zehn Schweizer Universitätsstädten das nationale Festival «Science et Cité» statt. Die Zürcher Hochschulen veranstalten dazu das «Zürcher Festival des Wissens». Wie in den anderen Kantonen geht es auch in Zürich darum, in Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten und zu zeigen, was an der Universität und an der ETHZ geforscht und gelehrt wird. unipublic führte mit Barbara Haering, Universitätsrätin und Präsidentin des Regionalkomitees des Festivals ein Gespräch

von Brigitte Blöchlinger

Barbara Haering-Binder  

Barbara Haering: «Die öffentliche Meinung ist und bleibt die stärkste Legitimation der Wissenschaft – und dies gilt auch für die freie Grundlagenforschung und die Lehre.»

 

unipublic: Barbara Haering, Sie als Universitätsrätin und Präsidentin des Zürcher Festivals des Wissens waren massgeblich an der strategischen Planung beteiligt. Wie sind Sie mit dem Resultat zufrieden, nach rund 18 Monaten teils intensiver Vorbereitungszeit?

Barbara Haering: Die intensiven Vorbereitungsarbeiten haben uns praktisch mit allen Frage- und Problemstellungen der Schweizer Wissenschaftspolitik konfrontiert. Zum Beispiel: Wir wollen mit diesem Festival nicht einfach der Öffentlichkeit zeigen, was Wissenschaft «ist». Wir wollen keine Einwegkommunikation, sondern einen echten Dialog. Dies ist nicht einfach, denn im Unterschied zur Scientific community, ist die breite Öffentlichkeit nicht organisiert. Die Bringschuld liegt deshalb bei der Wissenschaft. Deshalb findet der erste Teil des Festivals nicht an den Hochschulen, sondern am öffentlichsten Platz der Stadt Zürich statt: in der Halle des Hauptbahnhofes. Gleichzeitig legen wir ein besonderes Gewicht aus die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Eine breite Palette von Veranstaltungen soll zeigen, dass dies durchaus lustvoll sein kann! Ich möchte an dieser Stelle allen «Macherinnen» und «Machern» herzlich danken – ihr grosses Engagement war ausschlaggebend für das spannende Programm, mit dem wir nun in den Dialog von Science et Cité einsteigen können.

Das Zürcher Festival des Wissens bietet fast hundert Events an – Wissenstalks, Wissensschauen, Stände, Experimente, Gespräche, Vorträge, Führungen etc. Wie findet man als interessierte Laiin, interessierter Laie das, was einen interessiert?

Das gesamte Programm wird im Programmheft des «Züri-Tipps», in der Sonderbeilage der NZZ sowie im Flyer des Festivals, welcher in den Trams aufliegen wird zusammengefasst. Wir haben der Öffentlichkeitsarbeit ein grosses Gewicht beigemessen, denn wir wollen nicht im kleinen Kreis diskutieren.

Ins Zürcher Festival des Wissens sind neben den Organisatorinnen und Organisatoren auch zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität involviert. Inwiefern macht es Sinn, dass die Forschenden verstärkt für die Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt werden – statt für das Kerngeschäft der Universität: Forschung und Lehre?

Die öffentlichen Mittel für die Wissenschaft bleiben knapp. Deshalb werden die Forschenden die Bedeutung ihrer Arbeit in Zukunft gegenüber der Politik besser belegen müssen, wenn sie zusätzliche Ressourcen beantragen. Eines ist klar: Die öffentliche Meinung ist und bleibt die stärkste Legitimation der Wissenschaft – und dies gilt auch für die freie Grundlagenforschung und die Lehre. Gleichzeitig hat die Debatte zur Genschutzinitiative deutlich gemacht, dass es klüger ist, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht erst im Krisenfall aufzunehmen. Übrigens: für beide Seiten!

«Forschung zum Anfassen» verspricht das Zürcher Festival des Wissens. Forscht die Universität Ihrer Ansicht nach ansonsten immer noch zu losgelöst von den Bedürfnissen der Gesellschaft, im vielgerügten Elfenbeinturm?

Die Wissenschaft muss eine anspruchsvolle Doppelrolle erfüllen. Einerseits muss sie Beiträge zur Lösung aktueller und zukünftiger Probleme unserer Gesellschaft leisten. Gleichzeitig muss sie diese Gesellschaft in kritischer Distanz reflektieren. Nur durch das kreative Überwinden dieses Gegensatzes leistet sie ihren spezifischen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Die Instrumentalisierung der Wissenschaft für kurzfristige Interessen darf nicht sein. Dies zum einen. Die Freiheit von Forschung und Lehre mag als Postulat altmodisch tönen – es bleibt aber zutiefst aktuell.

Allerdings ist diese Freiheit an die persönliche Verantwortung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gebunden, sie müssen sich Rechenschaft darüber geben, wo Mensch und Umwelt im Rahmen ihrer Forschung stehen. Die Öffentlichkeit wird die Wissenschaft daran messen, inwieweit sie diese Verantwortung einlöst.

Die Universität hat ja seit je einen Bildungsauftrag und richtet sich an Zehntausende von Studierenden und uniexternen Interessierten. Reicht diese «Öffentlichkeit» nicht? Welche Art des Dialogs strebt das Zürcher Festival des Wissens zusätzlich zu den normalerweise stattfindenden «Aussenkontakten» an?

Im internationalen Vergleich hat die Schweiz immer noch eine der tiefsten Akademikerinnen- und Akademikerraten. Wir haben es in den letzten Jahrzehnten zwar geschafft, die regionalen Disparitäten in bezug auf Ausbildungsschancen auszugleichen – die sozialen Ungleichheiten diesbezüglich sind immer noch nicht die gleichen. Die Zehntausenden von Studierenden ändern deshalb nichts an der Tatsache, dass das System der Wissenschaft für die breite Mehrheit der Bevölkerung ein Buch mit mindestens sieben Siegeln bleibt.

Was muss die Öffentlichkeit ändern und was die Wissenschaft, damit ein kontinuierlicher Dialog – über das Festival des Wissens hinaus – zustande kommen kann?

Die breite Öffentlichkeit und die Politik stehen ebenfalls vor einer doppelten Aufgabe: Sie werden sich in Zukunft vermehrt und verbindlicher mit dem System der Wissenschaft auseinandersetzen und Beiträge zu seiner Reform leisten und einfordern müssen. Und sie werden gleichzeitig lernen müssen, die fundamentalen Unterschiede im Denken und Arbeiten von Politik und Wissenschaft zu akzeptieren.

 

Barbara Haering
ist Universitätsrätin, Nationalrätin und unter anderem Präsidentin des Regionalkomitees des Zürcher Festivals des Wissens.

 

Brigitte Blöchlinger ist freie Journalistin BR und arbeitet regelmässig für unipublic.

 
zum Anfang


© Universität Zürich, Tuesday, 03-Aug-2004 16:48:24 CEST , Impressum